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Kurzgeschichten

Noli schickt Regen

Marleen Deschner

„Sag’s mir, bist du schon lange hier?“ Er hob nicht den Kopf, seine Füße scharrten so zaghaft im Sand vor meiner Tür, dass ich verstummte und einen kleinen Schritt rückwärts machte.

Ich wollte ihm nicht nahe sein, musste einen größeren Raum zwischen uns lassen, damit mich sein Atem nicht erreichen konnte.

Und doch hatte ich keine Angst, er hatte etwas von einem Findelkind an sich. Er sagte etwas, ich fragte: „Was?“ und dann sagte er es nicht noch einmal. Sein Kopf senkte sich tiefer und er errötete. „Es ist nicht in der Lage.“ Die Röte erhellte sein blasses junges Gesicht. Ich stellte mir vor, wie es wohl aussehen würde, wenn seine Augen den Weg zu mir finden würden. „Warum bist du hier und bist du schon lange hier?“ Er schluckte und atmete entspannt, als ob er die Situation genießen würde. Er begann seinen Oberkörper vor und zurück zu wiegen, immer gleichmäßig, ruhig und doch wachsam. Er wurde schon oft in Frieden angegriffen. Der Boden hier war zwar sicher und heilig, aber er wusste, dass er neue Wunden nicht überleben würde. „Ich weiß, du bist schon sehr lange hier. Warum?“ Seine tiefgrünen Augen blickten leblos, als er das Gesicht langsam gen Himmel reckte. Sein Körper verharrte starr und er legte den Kopf schief und suchte nach Wolken. „Es ist krank. Sehr krank. Regen wird kommen, Noli. Hör doch, Noli will uns Regen schicken.“ Ich war nicht Noli. „Noli ist tot, Noah.“ Er lächelte. Kleine Falten gruben sich in seine Wange und um die Augen. Mir fiel auf, dass ich vergessen hatte, dass er ein Mann war. Kein schüchterner Junge, der mit Eimerchen und Schaufel bestückt an meiner Tür klingelte und fragte, ob ich mir Blumen ins Haar stecken möchte und er mich dann an der Hand zum Spielen geleiten könne. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es war, als er früher hier an dieser Schwelle gestanden hatte und Noli anlachte. Damals. An solchen Tagen habe ich still oben in meinem Zimmer gehockt und von ihm geträumt. Habe mit meiner Seele nach seiner warmen Stimme gegriffen, die wenige Minuten später die Flure entlang gekrochen kam. Mich hatte er nie angelacht. Mich hatte er nie geliebt. Noli hatte sein Blut aufgesaugt, es mit ihrem bezaubernden Lächeln und ihrer makellosen Schönheit vergiftet. Ja, vergiftet.

Er streckte die Hand aus wie ein Schlafwandler. „Hilf mir. Noli wird Regen schicken. Ich fühle es.“ Mein Mund verzog sich leicht und drückte Spott aus. Was war aus ihm geworden? Ich blickte ihn an. Dünn war er geworden, zerbrechlich, schwach und doch umgab ihn ein unsichtbarer kindlicher Hauch des Schutzes, von Gott gewollt. Ihm würde nichts zustoßen. Gott liebte ihn noch zu sehr. Sein Gesicht ließ Schmerzen erkennen. Ich strich mein Haar hinters Ohr, damit meine Hände daran gehindert wurden, ihn einfach ins Haus zu ziehen und ihm ein warmes Bett zu geben. Seine Hand sank kraftlos zu Boden. „Noah, lass mich allein. Du bist verrückt. Nolis Tod hat dir schwer zugesetzt….“ Meine Augen füllten sich mit Tränen. Er steckte einen Finger in den Mund und saugte daran, wie ein Baby, das sich selbst beruhigt, weil niemand es in den Armen wiegt und ihm gut zuredet. Es gefiel ihm nicht, dass ihn mein Blick glasig und tränenschwer streifte und so schaute er wieder gen Himmel. Vielleicht hatte er Angst, durch meinen Anblick vor die kalte und tragische Realität gestellt zu werden, denn ich verkörperte genau das, was er sein sollte und an welcher Aufgabe er kläglich scheiterte und Verstand und Seele abgestorben waren. Auch er hätte es schaffen können zu weinen, ohne zu zerbrechen. Sein Traum, so wie ich mit wachem Verstand inmitten meines zurückeroberten Reiches zu stehen und den Sturm überlebt zu haben, ging nicht in Erfüllung. Er war zu schwach. Nolis Gift in seinem Blut begann zu wirken, ließ ihn unerträgliche Qualen erleiden. Sie hatte diesen Menschen auf dem Gewissen. Einen Menschen, der nun, da sie ihn zurückgelassen hatte, an seiner Sucht zu Grunde ging.

„Nachts höre ich sie. Sie ruft mich. Noli, sie ruft mich.“ Er war hier, um sich zu verabschieden. Meine Tränen würden fortan also auch für ihn die Wangen herunterfahren. „Wann wirst du gehen und was wirst du mitnehmen? Die Erinnerungen? Noah, du wirst sie nicht wieder sehen…“ Der Geist Nolis war etwas anderes als ihr menschlicher Körper, das Fleisch, das er begehrte und ohne dieses er nicht leben konnte. Im Himmel würde er nicht mit ihr schlafen können. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Früher hätte ich alles darum gegeben, wäre nur ich diejenige gewesen, die unter Noah in den Kissen gelegen hätte. Heute empfand ich nichts als tiefe Verachtung und Bedauern über die naiven Bedürfnisse des Mannes, der das Gift Nolis in den Adern trug. Der Noli blindlings folgte. Der nur etwas verkörperte, wenn er in Nolis Körper war.

„Geh, Noah. Ich weiß, du wirst nicht zurückkommen.“

„Und ich weiß, dass Noli Regen schicken wird.“

17.1.07 20:02





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